Patent- und Forschungsanalyse der deutschen Industrie

Die 2026 veröffentlichte Studie „Patent- und Forschungsanalyse der deutschen Industrie“ der Bertelsmann Stiftung untersucht die Entwicklung der Innovationskraft Deutschlands anhand von Forschungs- und Entwicklungsaufwendungen sowie transnationalen Patentanmeldungen. Im Mittelpunkt stehen die internationale Wettbewerbsfähigkeit des Forschungsstandorts Deutschland, regionale Unterschiede bei der Innovationsleistung und die Frage, wer die Kontrolle über die in Deutschland entwickelten Technologien besitzt.

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Deutschland verliert an Bedeutung als Forschungsstandort

Die Studie zeigt, dass Deutschland seine Ausgaben für Forschung und Entwicklung in den vergangenen Jahrzehnten zwar erhöht hat, die Dynamik jedoch deutlich hinter wichtigen Wettbewerbern zurückblieb. Während deutsche Unternehmen ihre Investitionen kontinuierlich steigerten, bauten insbesondere China, die USA und mehrere asiatische Volkswirtschaften ihre Forschungsaktivitäten wesentlich schneller aus.

Dadurch verringerte sich Deutschlands Anteil an den weltweiten Forschungs- und Entwicklungsaufwendungen der Wirtschaft spürbar. Nach Einschätzung der Autoren spiegelt diese Entwicklung einen tiefgreifenden Wandel der globalen Innovationslandschaft wider. Forschung und technologische Entwicklung konzentrieren sich zunehmend auf neue Zentren außerhalb Europas, während Deutschland im internationalen Vergleich an Gewicht verliert.

Patente bestätigen den internationalen Trend

Die Analyse kommt zu dem Ergebnis, dass sich die Entwicklung bei den Patentanmeldungen ähnlich darstellt. Da Patente als wichtiger Indikator für technologische Leistungsfähigkeit gelten, erlauben sie Rückschlüsse auf die Innovationskraft eines Landes.

Weltweit nahm die Zahl transnationaler Patentanmeldungen zwischen 2000 und 2022 deutlich zu. Besonders stark entwickelten sich Länder, die ihre Forschungsinvestitionen massiv erhöhten. China verzeichnete dabei einen außergewöhnlichen Aufstieg und entwickelte sich innerhalb weniger Jahre zu einem der weltweit wichtigsten Patentstandorte. Auch Südkorea konnte seine Position erheblich ausbauen.

Deutschland profitierte von dieser Entwicklung deutlich weniger. Zwar stieg die Zahl der Patentanmeldungen zunächst an, insgesamt fiel das Wachstum jedoch wesentlich schwächer aus als bei vielen internationalen Wettbewerbern. Infolgedessen sank Deutschlands Anteil am weltweiten Patentaufkommen.

Rückgang der Patentaktivität seit 2018

Besonders kritisch bewerten die Autoren die jüngste Entwicklung. Während Deutschland über viele Jahre zumindest moderate Zuwächse erzielen konnte, ist seit 2018 ein kontinuierlicher Rückgang der am Forschungsstandort Deutschland hervorgebrachten transnationalen Patentanmeldungen zu beobachten.

Damit verliert Deutschland nicht nur relativ gegenüber anderen Innovationsstandorten an Bedeutung, sondern verzeichnet inzwischen auch einen absoluten Rückgang seiner internationalen Patentaktivität. Nach Ansicht der Studie betrifft diese Entwicklung mehrere Schlüsselbranchen der deutschen Industrie und deutet auf eine nachlassende Innovationsdynamik hin.

Innovationszentren liegen weiterhin im Süden

Wie bereits in unserem Blogartikel „Ranking der Bundesländer“ dargelegt, zeigt auch die regionale Analyse der Studie, dass die Patentaktivität innerhalb Deutschlands stark konzentriert ist. Besonders hohe Werte weisen Baden-Württemberg und Bayern auf. Auch Teile Nordrhein-Westfalens, Niedersachsens und Hessens zählen zu den innovationsstarken Regionen des Landes.

Gleichzeitig macht die Studie deutlich, dass weiterhin ein ausgeprägtes Gefälle zwischen Nord- und Süddeutschland sowie zwischen Ost- und Westdeutschland besteht. Zwar existieren einzelne erfolgreiche Technologiecluster in den ostdeutschen Bundesländern, die höchste Patentdichte findet sich jedoch weiterhin in den traditionellen Industrieregionen des Südens.

Besorgniserregend ist aus Sicht der Autoren die Entwicklung auf regionaler Ebene. In der Mehrzahl der deutschen Kreise und kreisfreien Städte ging die Patentaktivität zuletzt zurück. Besonders betroffen waren Regionen mit starker industrieller Prägung. Großstädte und Ballungsräume erwiesen sich dagegen häufig als vergleichsweise stabil.

Die Kontrolle über Patente wird wichtiger

Neben der Entstehung von Innovationen untersucht die Studie auch die Eigentumsverhältnisse hinter den Patenten. Dabei wird analysiert, welcher sogenannte Global Ultimate Owner die Kontrolle über die jeweiligen Schutzrechte besitzt.

Die Ergebnisse zeigen, dass ein erheblicher Teil der in Deutschland entwickelten Patente inzwischen von ausländischen Unternehmen kontrolliert wird. Demgegenüber verfügen deutsche Unternehmen über deutlich weniger Patente, die außerhalb Deutschlands entstanden sind. Insgesamt ergibt sich daraus ein negativer Saldo zugunsten ausländischer Eigentümer.

Nach Darstellung der Autoren ist diese Entwicklung vor allem auf internationale Unternehmensübernahmen zurückzuführen. Werden deutsche Unternehmen von ausländischen Konzernen übernommen, gehen häufig auch die zugehörigen Patentrechte in deren Einflussbereich über. Die Forschung kann zwar weiterhin in Deutschland stattfinden, die strategische Kontrolle über die Ergebnisse liegt jedoch im Ausland.

Technologische Souveränität als strategische Herausforderung

Die Studie ordnet diese Entwicklung in den größeren geopolitischen Kontext ein. In einer Welt, die zunehmend von technologischer Konkurrenz, Handelskonflikten und politischen Spannungen geprägt ist, gewinnt die Kontrolle über geistiges Eigentum an Bedeutung.

Patente beeinflussen nicht nur die wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit, sondern können auch für Versorgungssicherheit, industrielle Wertschöpfung und nationale Interessen relevant sein. Aus Sicht der Autoren reicht es deshalb nicht aus, Forschung allein am Standort Deutschland zu betreiben. Ebenso wichtig ist die Frage, wer letztlich über die daraus entstehenden Technologien verfügen kann.

Besondere Aufmerksamkeit richtet die Studie auf den wachsenden Einfluss ausländischer Eigentümer. Vor allem die USA spielen bei der Kontrolle deutscher Patente eine bedeutende Rolle. Gleichzeitig wächst auch der Einfluss chinesischer Akteure, die zunehmend Rechte an Technologien kontrollieren, die ursprünglich in Deutschland entwickelt wurden.

Die Elektroindustrie als Beispiel für den Strukturwandel

Die Elektroindustrie verdeutlicht die beschriebenen Entwicklungen besonders anschaulich. Als eine der weltweit forschungsintensivsten Branchen spielt sie eine Schlüsselrolle für Digitalisierung, Automatisierung und moderne Informations- und Kommunikationstechnologien.

Nach den Ergebnissen der Studie konnte Deutschland seine frühere Spitzenstellung in diesem Bereich nicht behaupten. Während asiatische Wettbewerber ihre Forschungsaktivitäten massiv ausweiteten, entwickelte sich die deutsche Elektroindustrie deutlich langsamer. Dadurch verlor Deutschland sowohl bei Forschungsinvestitionen als auch bei Patentanmeldungen an Boden.

Besonders deutlich wird dies in Zukunftsfeldern wie Halbleitertechnologien, Batterietechnik, künstlicher Intelligenz, Cybersicherheit und Quantencomputing. Hier gelang es anderen Ländern, ihre Innovationskraft stärker auszubauen und neue technologische Schwerpunkte zu setzen.

Die Entwicklung der Elektroindustrie steht nach Einschätzung der Autoren exemplarisch für die Herausforderungen des gesamten Innovationsstandorts Deutschland. Die Studie zeichnet insgesamt das Bild eines Landes mit weiterhin hoher technologischer Kompetenz, das jedoch im internationalen Wettbewerb zunehmend unter Druck gerät und an relativer Bedeutung verliert.